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Doron Navon

Doron Navon

Doron Navon, Hatsumis erster westlicher Schüler, trainierte in Japan sechs Jahre lang mit Hatsumi. Nach seinem Aufenthalt dort kehrte Sensei Navon 1974 nach Israel zurück und gründete das Bujinkan Dōjō Israel. Am Anfang war es ein kleines Dōjō mit wenigen Schülern. Damals war Ninjutsu außerhalb Japans noch ziemlich unbekannt. Viele Trainingsstunden wurden im Freien, in unterschiedlichem Gelände oder nachts abgehalten. Heute zählt das Bujinkan Dōjō Israel ca. 700 Mitglieder, die von neun Shidoshi (Schülern von Doron Navon) und Navon selbst unterrichtet werden.

Sämtliche Dōjō in Israel fallen unter die Autorität von Sensei Navon. Die Art, Ninjutsu in Israel zu verbreiten, gleicht der traditionellen japanischen Art, die nicht kommerzialisiert ist. Jeder der Shidoshi übt seine Tätigkeit in Ninjutsu nebenberuflich aus. Sensei Navon unterstrich von Anfang an, wie wichtig es für einen Ninja ist nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist kennenzulernen. Einer der Grundgedanken des Ninjutsu ist das „Saishin Terikiojo“ oder die geistige Reinheit.

Die Schulung des Ninja besteht in einer tiefen und exakten Kenntnis seines geistigen und körperlichen Selbst, seiner Schwächen und Stärken und deren Einfluss auf das Leben sowie die Verwirklichung der Pflichten und Ziele des Ninja. Verschiedene Wege der Beobachtung und die richtige Perspektive für das Verständnis von Dingen des Lebens wurden zusammen mit körperlichem Training unterrichtet. Das Studium des Ninjutsu beginnt mit Taijutsu, dem Kampf ohne Waffen. Nur nachdem die Schüler eine gute Basistechnik erworben haben – was manchmal Jahre dauert – werden Techniken mit verschiedenen Waffen praktiziert.

Sensei Dr. Masaaki Hatsumi selbst sagt: „Der Niniutsu-Schüler kann Stärke und Unbesiegbarkeit erringen, die ihn befähigen wird, die Bewegungen der Blumen im Wind zu genießen, die Liebe der ihm Nahestehenden zu schätzen und die Gegenwart des Friedens in der Gesellschaft zu fühlen".

Doron Navon erzählt von seiner Zeit in Japan:
„Senseis Untericht ließ immer ein wenig Bestürzung zurück, weil die Techniken, obwohl sie klar und deutlich ausgeführt wurden und keinen Zweifel an ihrer Wirksamkeit aufkommen ließen, schwer nachzuvollziehen waren. Er präsentierte alle Techniken so, als seien sie sehr einfach.

Es war frustierend zu sehen, dass man die Techniken nicht nachmachen konnte. Nach dem Training wurde Hatsumi, Sensei gern philosophisch und sprach über die tieferen Aspekte der Kriegskunst. Seine Weltanschauung ist von der Macht, die von einem Meister vieler Kampflünste ausgeht geprägt. Hatsumi glaubt an einen Gott. Er nennt ihn den Gott des Budō, aber es ist dieselbe Instanz, an die die meisten von uns glauben. Seine Liebe zu den Kampfkünsten ist das Zentrum seines Lebens, eines Lebens, dass ihm die Energie und die Balance gibt, sich mit vielen verschiedenen Dingen auseinanderzusetzen.“

„Zu Anfang der 60er Jahre", erinnert sich Doron Navon, „trainierte ich mit einem Freund zusammen schon 2 Jahre lang Judo in Japan. Eines Tages hörten wir von einem Meister, der sehr heimtückische Techniken beherrschte; noch am selben Abend brachen wir in die Stadt Noda auf und besuchten diesen Großmeister. Die Tür war offen, aber wir klopften dennoch an, Hallo, Gaijin (Nichtjapaner), begrüßte er uns. Wir sprachen schon etwas japanisch und fragten, ob wir bei ihm trainieren könnten. Er sagte weder ja noch nein, ließ uns aber eintreten. Ich kann mich noch genau an jeden Moment erinnern. Fünf fortgeschrittene Schüler waren im Dōjō, alle trugen einen schwarzen Anzug und schwarze Gürtel.

Er gab zwei Schülern ein Zeichen, daraufhin kamen sie, uns Fremde zu begrüßen.“ Es wurde ein unvergesslicher Willkommensgruss. Die beiden Israelis erhielten eine persönliche Behandlung, die noch viele Tage sichtbare Spuren hinterließ. Die beiden Meisterschüler spielten wie Puppen mit ihnen und jedes mal, wen ihnen Widerstand geboten wurde, wurde dieser mit nur noch mehr Schmerzen gebrochen. Später auf dem Heimweg versorgten sie ihre Wunden, aber am nächsten Tag kamen sie wieder. Sie verstanden, dass es eine völlig neue Welt war. Das Szenario wiederholte sich, aber sie blieben hartnäckig und schließlich nahm Hatsumi sie als Schüler auf.

Zu Anfang wurden sie genau beobachtet, kostbares Wissen wurde nicht ohne weiteres weitergegeben. Erst als Hatsumi sah, dass es sich um ernsthafte Schüler zu handeln schien, begann er die wahre Kunst zu offenbaren. Sie waren die ersten Nichtjapaner, die als regelmäßige Schüler im Bujinkan Dōjō zugelassen wurden. Wenige Nichtjapaner hatten Hatsumi zuvor aufgesucht, aber keiner war ein Ninjutsu-Schüler geworden.

„Im Unterricht wurden meist Basistechniken (Kihon Happo) trainiert. Nur wenige fortgeschrittene Techniken wurden gezeigt. Die meisten blieben geheim und gelangten nur von Person zu Person. Unheilvolle Schwerter hingen an der Wand, jederzeit zum Gebrauch bereit.

Dabei handelte es sich nicht um ein Spiel, Sensei Hatsumi war in seiner Saki-Periode und gebrauchte tödliche Techniken mehr als alle anderen.

Als Schüler hatte man sich damals im klaren darüber zu sein, dass das Training lebensgefährlich war. Niemand starb, trotzdem lag die Gefahr in der Luft, denn die Techniken wurden fast bis zum Ende ausgeführt. Er rief mich, um mich für den „Nidan“ zu testen. Es war immer so. Er prüfte uns immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnete. Einmal hatte ich Fieber, das andere Mal war mein Steißbein gebrochen, oder ich hatte meinen linken Arm in Gips, nachdem ich ihn am Vortag gebrochen hatte. Aber wir mussten im Kampf unser Bestes zeigen, trotz aller Hindernisse. Sensei Hatsumi lehrte mich, soviel ich aufnehmen konnte. Eines Tages fühlte ich, dass ich nicht mehr konnte. Mein Körper war ein Wrack von all diesen unvermeidbaren Verletzungen und mein Geist war so voll von Techniken, dass ich eine Pause brauchte.“

Im Sommer 1974 informierte Doron Navon Großmeister Hatsumi davon, dass es nach sechs gemeinsam verbrachten Jahren für ihn an der Zeit wäre, in seine Heimat Israel zurückzukehren.

Die in jenen Tagen schwierige Lage im Nahen Osten, kurz nach dem Yom Kippur-Krieg, war Dr. Hatsumi wohl bekannt.

Nachdem er von der geplanten Abreise Navons gehört hatte, führte er bis zum letzten Training spezielle Techniken vor, die er für die besonders schwierige Situation in Israel geeignet glaubte. „Das ist für dein Land", sagte er zu Doron während er eine besondere Technik ausführte. „Das könnte auch von Nutzen sein", fügte er bei anderen „schmerzhaften“ Gelegenheiten hinzu. Die Abschiedsfeier war ein bisschen traurig, aber nichts konnte geändert werden.

Sensei Hatsumi hatte Doron seine Lehrbefähigung zusammen mit seiner Erlaubnis zur Gründung des ersten Ninjutsu Dōjō außerhalb Japans gegeben. Doron Navon selbst fuhr fort, Ninjutsu zu lernen und zu perfektionieren, um das immense Wissen, das Sensei Hatsumi ihm anvertraut hatte, weiter zu vertiefen. Es galt, sich an eine Unmenge von Dingen zu erinnern.

Eines Tages, im Oktober 1983, wurde der Drang zurückzukehren unerträglich. Doron hatte Hatsumi nicht gesagt, dass er kommen würde. Er fuhr einfach nach Japan. Es war Abend in Noda. Die Menschen waren auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Doron ging zum Haus Masaaki Hatsumis.

Es sah so aus, als ob sich in neun Jahren nichts verändert hatte. Die Fahrräder waren draußen abgestellt, die Schiebetür war offen, ein paar Schuhe lagen auf der rechten Seite.

„Sensei?“ Das Wort war kaum ausgesprochen und Masaaki Hatsumi war schon an der Tür. „Hai“ (Ja!). Er sah seinen Gast an. „Oksa", rief er seine Frau, Doron-Chan ist gekommen. Wie ein Sturm kam sie vom ersten Stock des Hauses. „Doron-Chan", rief sie, unfähig die Tränen zurückzuhalten. Sie wollte ihn umarmen, aber ein wenig schüchtern gab sie ihm die Hand und schüttelte sie lange, indem sie ihn ununterbrochen ansah, um sicher zu sein, dass es wirklich Doron war. Sensei Hatsumi lächelte bei der Szene. Er war froh, ein verlorener Sohn war zurückgekehrt.

Für ihn waren nicht neun Jahre sondern ein einziger Tag vergangen. Es war ganz normal, dass sein israelischer Schüler auf diese Weise von der anderen Seite des Erdballs angereist war. Gleich kam er zu einem Gespräch, das neun Jahre zuvor abgebrochen worden war.

Für ihn war es wirklich nicht merkwürdig, dass ein Sohn nach Jahren der Abwesenheit wieder nach Hause zurückgekehrt war.

Er hatte jedoch eine Überraschung für ihn bereit. Schnell organisierte er eine kleine Versammlung „wie in alten Zeiten". Wenig später waren sie auf dem Weg zum Dōjō des Shihan Tanemura. Dort angekommen, gab es lange Begrüßungen und Händeschütteln. Viele Erinnerungen wurden wachgerufen. Und dann sagte Hatsumi plötzlich: „Doron, möchtest du die Prüfung für den Godan ablegen?“ Doron war ein wenig bestürzt, so unerwartet kam die Frage. Doch dann lächelte er und sagte: „Warum nicht?“ Diese Prüfung wird auch Prüfung der Wahrheit genannt und wer sie besteht, erhält den 5. Dan (Godan) in Ninjutsu.

Der Schüler sitzt in Seiza mit seinem Rücken zum Großmeister. Dieser hält ein Schwert hoch über seinen Kopf und irgendwann, ohne Vorwarnung, schlägt er es auf den Kopf des Schülers. In alten Zeiten wurde ein richtiges Schwert benutzt. Konnte der Schüler fühlen, in welchem Moment das Schwert auf ihn herabkam und rechtzeitig zur Seite rollen, bekam er den Godan Titel. Heute wird ein Holzschwert benutzt, aber der Schlag ist trotzdem sehr schmerzhaft, und der Kopf des Schülers ist unbedeckt. Hatsumi forderte Doron auf, sich im Seiza-Sitz vor ihn hinzusetzen und trat hinter ihn.

Plötzlich sprang Doron – ein wenig nervös – auf. Hatsumi lachte und sagte: „Aber ich habe doch noch gar nicht angefangen.“ Doron setzte sich wieder hin. Diesmal entspannte er seinen Körper sichtlich, wartete. Plötzlich schlug Hatsumi zu. Das Schwert sauste auf Dorons Kopf zu. Im selben Moment sah es so aus, als ob jemand Doron zur Seite gezogen hätte. Er rollte auf seine rechte Seite und das Schwert flog an ihm vorbei und erreichte den Punkt, wo einen Augenblick zuvor Dorons Magen gewesen war. Die Augen Hatsumis waren noch geschlossen. Er packte das Schwert fester, öffnete die Augen und sagte: „Hai, Godan!“ (5. Dan).

Doron bekam von Sensei Hatsumi eine Goldmedaille, die er Jahre zuvor für den ersten nichtjapanischen Schüler vorbereitet hatte, der diesen schwierigen Test auf Anhieb bestehen würde. Es hatte mehr als fünf Jahre gedauert, die Medaille zu verschenken. „Homono-Shidoshi“ wird Doron von Sensei Hatsumi genannt. Ein wahrer Lehrer, ein Titel, der Doron auch außerhalb Japans begleitet.